Wenn die falschen Täter zuschlagen und das Schweigen dröhnt
Es gibt Ereignisse, die sind so aufschlussreich, dass sie weniger durch das Geschehene wirken als durch das, was danach passiert. Oder genauer gesagt: durch das, was nicht passiert. Ein mutmaßlich linksextremistisch motivierter Brandanschlag auf kritische Infrastruktur in Berlin, begleitet von einem Bekennerschreiben, sorgt kurz für ein Stirnrunzeln und verschwindet dann leise aus dem öffentlichen Diskurs. Kein Daueralarm. Keine moralische Großoffensive. Keine Sondersendungen, die erklären, dass „unsere Demokratie unter Beschuss“ stehe.
Dabei lohnt ein Gedankenspiel, das weh tut, weil es so einfach ist. Stellen wir uns exakt dasselbe Szenario vor, nur mit vertauschten Vorzeichen. Eine gezielter Anschlag legt Strom-Infrastruktur lahm. 45.400 Haushalte sitzen im Winter ohne Strom und ohne Heizung da. 2.200 Betriebe stehen still. Ein Bekennerschreiben taucht auf, eindeutig aus rechtsextremen Kreisen. Was dann folgen würde, muss niemand ernsthaft erklärt bekommen. Wochenlange Schlagzeilen. Talkshows im Akkord. Politische Erklärungen im Stundentakt. Der moralische Zeigefinger würde glühen.
Die immergleichen Empörungsprofis würden reflexartig aus den Startlöchern springen, Omas, Gewerkschaften, Aktivisten im Komplettpaket, perfekt choreografiert zwischen Betroffenheitsmiene, Demo-Routine und moralischer Selbstvergewisserung, bevor überhaupt jemand zu Ende gedacht hat, worum es eigentlich geht.
Der Unterschied liegt nicht in der Tat. Der Unterschied liegt in der Einordnung. Gewalt gegen Infrastruktur ist keine Meinung. Sie ist kein Protest. Sie ist kein „Zeichen setzen“. Sie trifft nicht „den Staat“, sondern Menschen. Familien, Betriebe, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser. Wer so etwas verübt, vergreift sich nicht an Symbolen, sondern an der Lebensrealität anderer. Punkt.
Und doch scheint es eine unausgesprochene Hierarchie des Entsetzens zu geben. Je nach ideologischem Absender variiert die Lautstärke der Empörung. Während rechte Gewalt reflexhaft als gesamtgesellschaftlicher Notstand verhandelt wird, rutscht linke Gewalt allzu oft in eine Grauzone aus Relativierung, Wegsehen und semantischer Weichspülung. Da ist dann von „Aktivisten“ die Rede, von „Aktionen“, von „Sachbeschädigung“, selbst wenn es um Angriffe auf kritische Infrastruktur geht.
Das Problem daran ist nicht politische Parteilichkeit allein. Das Problem ist die schleichende Erosion von Glaubwürdigkeit. Wer Gewalt nur dann laut verurteilt, wenn sie ins eigene Deutungsmuster passt, verliert jede moralische Autorität. Wer ständig „Wehret den Anfängen“ ruft, aber bei bestimmten Tätern lieber schweigt, erklärt diesen Grundsatz zur reinen Parole.
Eine Demokratie, die ernst genommen werden will, darf bei Gewalt keinen Gesinnungsrabatt vergeben. Nicht aus taktischen Gründen, nicht aus ideologischer Bequemlichkeit und schon gar nicht aus Angst, das falsche Publikum zu bedienen. Entweder man ist gegen politischen Extremismus, oder man ist es nicht. Alles andere ist Heuchelei mit Presseausweis.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 GG. Er basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen und allgemeinen medialen Wahrnehmungen. Es werden keine strafrechtlichen Schuldzuweisungen vorgenommen und keine Personen namentlich benannt.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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