Wenn unten genickt wird, kann oben durchregieren
Es gehört zu den gemütlichsten politischen Gewohnheiten dieses Landes, alles Schlechte nach Berlin zu schieben. Dort sitzen sie angeblich, die Abgehobenen, die Ideologen, die Machtmenschen. Weit weg, fern jeder Alltagserfahrung. Eine perfekte Projektionsfläche, weil sie Verantwortung aus dem eigenen Blickfeld entfernt. Wer schimpft, bleibt sauber. Wer zeigt, muss selbst nichts tun.
Diese Erzählung ist bequem. Und sie ist falsch.
Politische Fehlentwicklungen fallen nicht einfach vom Himmel der Bundespolitik. Sie werden vorbereitet, geduldet und abgesichert. Nicht in Ministerbüros, sondern dort, wo Politik noch Gesichter hat. In Rathäusern. In Ortsvereinen. In Fraktionssitzungen auf Kreisebene. Genau dort, wo man sich kennt, duzt und sich später wieder im Supermarkt begegnet.
Kommunalpolitik wird gern als machtlos verkauft. Man habe ja keinen Einfluss auf große Linien, keine Zuständigkeit für Gesetze, keine Hebel gegen Berlin. Das stimmt formal. Politisch ist es eine Ausrede. Denn Einfluss beginnt nicht mit Gesetzgebung, sondern mit Haltung. Wer kandidiert, organisiert, legitimiert und verteidigt, trägt Verantwortung. Auch dann, wenn er sich einredet, nur ein kleines Rädchen zu sein.
Parteien bestehen nicht aus Parteivorsitzenden und Talkshowgesichtern. Sie bestehen aus der Basis. Aus jenen, die Wahlkampf machen, Programme erklären, Kritik einfangen und Unmut entschärfen. Ohne diese Arbeit wäre jede Bundespolitik ein Papiertiger. Mit ihr wird selbst die schärfste Kursänderung verdaulich serviert.
Genau hier liegt das Problem. Wenn politische Richtungswechsel plötzlich als Sachzwang erscheinen, wenn Wahlversprechen leise beerdigt werden, wenn Programme entkernt und Begriffe umgedeutet werden, dann passiert das nicht im luftleeren Raum. Es passiert in dem sicheren Wissen, dass von unten kein ernsthafter Widerstand kommt.
Stattdessen gibt es Erklärungen. Koalitionsarithmetik. Internationale Zwänge. Komplexität. Alles richtig, alles bekannt. Und alles politisch wirkungslos. Wer erklärt, statt zu widersprechen, stabilisiert. Wer relativiert, statt zu benennen, macht mit. Und wer schweigt, liefert die stillschweigende Zustimmung gleich mit.
Dieses Schweigen ist kein Zufall und keine Unwissenheit. Es ist kalkuliert. Der kommunale Mandatsträger weiß, was auf dem Spiel steht. Listenplätze. Parteirückhalt. Förderzusagen. Wer aneckt, wird schnell als schwierig markiert. Wer loyal bleibt, darf bleiben. So entsteht kein großes Komplott, sondern etwas viel Profaneres. Anpassung aus Eigeninteresse.
Der Bundespolitiker handelt darin konsequent. Er nutzt Spielräume, verschiebt Grenzen, testet Loyalitäten. Das ist keine moralische Kategorie, sondern schlichte Machtlogik. Macht dehnt sich aus, solange sie nicht begrenzt wird. Und begrenzen könnte sie nur die Ebene, die näher an den Menschen ist als jede Parteizentrale.
Kommunalpolitiker hören den Frust. Sie sehen die Wahlbeteiligung sinken, die Gespräche kippen, das Vertrauen erodieren. Sie erleben es im Ehrenamt, im Verein, am Stammtisch. Niemand kann behaupten, er habe es nicht gewusst. Und trotzdem bleibt der offene Widerspruch die Ausnahme.
Warum? Weil Bequemlichkeit weniger kostet als Haltung. Weil Loyalität nach oben honoriert wird und Klartext nach unten Risiken birgt. Und weil man hofft, dass der Ärger sich irgendwann von selbst verzieht.
Wer also weiter glaubt, politisches Versagen beginne erst in Berlin, verkennt die Mechanik. Fehlpolitik ist kein Unfall. Sie ist das Ergebnis eines stabilen Fundaments aus Schweigen, Erklären und Mittragen. Nicht der Große ist der eigentliche Schlüssel. Er nutzt nur, was ihm gegeben wird. Der Kleine sorgt dafür, dass es funktioniert.
Solange sich Kommunalpolitik hinter Zuständigkeiten versteckt, statt Verantwortung zu übernehmen, wird sich nichts ändern. Veränderung beginnt nicht mit neuen Gesichtern an der Spitze, sondern mit dem Mut zum Widerspruch dort, wo Politik noch persönlich ist. Im Rathaus. Im Ortsverein. Und ja, auch in der Kneipe um die Ecke.
Disclaimer: Dieser Beitrag stellt eine politische Meinungsäußerung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 GG dar. Er enthält wertende Einschätzungen und allgemeine Analysen politischer Strukturen, keine Tatsachenbehauptungen über konkrete Personen oder Organisationen. Eine Rechtsberatung ist damit nicht verbunden.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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