Von der Volkspartei zur Blase

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Die Selbstentfremdung einer einstigen Volkspartei

Politische Parteien verlieren nicht plötzlich ihre Bedeutung. Sie lösen sich schrittweise von der Realität, bis sie irgendwann nur noch mit sich selbst kommunizieren. Genau an diesem Punkt scheint die SPD heute angekommen zu sein.

Über Jahrzehnte verstand sich die Sozialdemokratie als politische Übersetzerin der arbeitenden Mitte. Ihre Existenzberechtigung speiste sich aus dem Anspruch, Alltagserfahrungen von Beschäftigten, Angestellten und kleinen Selbstständigen in konkrete Politik zu überführen. Leistung, soziale Absicherung und gesellschaftliche Ordnung waren dabei keine Gegensätze, sondern das Fundament ihres Erfolgs.

Heute wirkt dieses Selbstverständnis wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Die moderne SPD agiert weniger als Interessenvertretung realer Lebenswelten, sondern zunehmend als moralisches Projekt. Politik wird nicht mehr entlang von Wirksamkeit und Akzeptanz gemessen, sondern an der Übereinstimmung mit einem innerparteilichen Wertekanon.

Kritik von außen wird dabei nicht als notwendiger Bestandteil demokratischer Auseinandersetzung behandelt, sondern als Angriff auf die eigene Haltung. Wahlergebnisse verlieren ihren Charakter als Rückmeldung der Wähler und werden stattdessen erklärt, relativiert oder psychologisiert. Das Problem liegt demnach selten bei der eigenen Politik, sondern fast immer bei denjenigen, die sie nicht mehr wählen.

Wenn Meinungsforscher wie Manfred Güllner in diesem Zusammenhang von sektenähnlichen Strukturen sprechen, beschreibt das keinen Extremismus, sondern einen mentalen Zustand. Gemeint ist eine politische Organisation, die sich gegen Widerspruch abschottet, die Loyalität über Argumente stellt und die eigene Weltsicht auch dann nicht korrigiert, wenn sie erkennbar an Zustimmung verliert.

Besonders sichtbar wird dieser Zustand dort, wo die SPD kaum noch messbar ist. In Regionen mit Ergebnissen im niedrigen einstelligen Bereich fehlt nicht nur Macht, sondern auch Anschlussfähigkeit. Diese Entwicklung ist kein regionales Kuriosum, sondern ein Vorbote. Politische Trends zeigen sich selten überall gleichzeitig. Sie beginnen dort, wo gesellschaftliche Brüche früher sichtbar werden.

Die kommenden Wahlzyklen werden diesen Prozess weiter vertiefen. Mit jedem verlorenen Mandat schrumpft nicht nur der Einfluss, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Parteien, die nicht mehr gewinnen können, neigen dazu, sich einzuigeln.

Besonders aufschlussreich ist dabei die Frage, wohin frühere SPD-Wähler gegangen sind. Ein erheblicher Teil hat sich nicht ins Nichtwählen verabschiedet und auch nicht zu anderen etablierten Parteien orientiert, sondern zur AfD. Das ist kein Bauchgefühl, sondern durch zahlreiche Wahlanalysen belegt.

Diese Wählerentscheidung ist weniger ideologisch als pragmatisch. Viele Menschen suchen politische Angebote, in denen Arbeit, Sicherheit, Ordnung und Verantwortung wieder eine Rolle spielen. Sie wenden sich dort ab, wo sie den Eindruck haben, vor allem als Finanzierungsquelle für ständig wachsende Anspruchsmodelle betrachtet zu werden.

Die SPD hat sich in den letzten Jahren zunehmend über Umverteilung und Transferpolitik definiert. Der Fokus liegt auf der Ausweitung von Leistungen, weniger auf der Frage, wer diese dauerhaft erwirtschaftet. Arbeit verliert an politischem Gewicht, Anspruch gewinnt an Bedeutung. Für viele frühere Wähler ist das ein Bruch mit dem, wofür diese Partei einmal stand.

Dass Menschen ein solches Modell nicht unbegrenzt mittragen wollen, ist keine soziale Verrohung, sondern eine rationale Reaktion. Wer Leistung erbringt und Verantwortung trägt, erwartet politische Anerkennung und Verlässlichkeit.

Zurück bleibt eine vergleichsweise kleine, stark gebundene Wählerschaft, die Niederlagen nicht als Anlass zur Reflexion nimmt, sondern als Bestätigung der eigenen moralischen Position interpretiert. Kritik wird abgewehrt, Zweifel gelten als Illoyalität.

Der eigentliche Niedergang der SPD liegt daher nicht in schlechten Wahlergebnissen, sondern in der inneren Verweigerung, diese Ergebnisse ernst zu nehmen.

Eine Partei verliert ihre Rolle als Volkspartei nicht, weil sie verliert, sondern weil sie aufhört zuzuhören.


Disclaimer: Dieser Beitrag stellt eine persönliche politische Meinungsäußerung im Sinne des Art. 5 Abs. 1 GG dar. Er enthält wertende Einschätzungen zu politischen Entwicklungen und Parteien auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen und Wahlergebnisse. Es werden keine Tatsachenbehauptungen über einzelne Personen aufgestellt und keine Rechtsberatung erteilt.

© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert


 


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