Zwischen echtem Tierschutz und öffentlicher Selbstberuhigung
Die Jagdgenossenschaft Eschenburg unterstützt die Rehkitzrettung mit 1.000 Euro. Aus dem Rathaus in Eschenburg bedankt man sich öffentlich für diesen Einsatz und hebt den Beitrag zum Tierschutz hervor. Was hier als positives Beispiel kommunalen Engagement verkauft wird, steht jedoch exemplarisch für ein grundsätzlicheres politisches Problem: selektive Moral statt konsequenter Verantwortung.
Niemand bestreitet, dass die Rettung von Rehkitzen vor der Mahd sinnvoll und notwendig ist. Tiere vor einem grausamen Tod durch Mähwerke zu bewahren, ist kein Luxus, sondern eine Verpflichtung. Genau deshalb taugt diese Maßnahme aber nicht als moralische Auszeichnung. Sie korrigiert lediglich ein Risiko, das durch menschliches Handeln überhaupt erst entsteht. Das ist Schadensbegrenzung, kein Fortschritt.
Der Widerspruch liegt offen zutage. Im Frühjahr wird öffentlichkeitswirksam gerettet, im Herbst routinemäßig geschossen. Dieselben Tiere, die als schützenswert dargestellt werden, werden wenige Monate später zur legitimen Zielscheibe erklärt. Dieser Bruch ist kein Versehen, sondern Teil eines Systems, das Wildtiere verwaltet, verwertet und am Ende tötet. Dass sich dieses System gleichzeitig mit dem Etikett „Tierschutz“ schmückt, ist pure Heuchelei.
Gerade auf kommunaler Ebene zeigt sich hier ein bekanntes Muster. Symbolische Aktionen ersetzen eine ehrliche Debatte. Statt die Jagd als politisch gewolltes Instrument offen zu benennen und kritisch zu hinterfragen, wird sie über Einzelfälle moralisch aufgeladen. Das beruhigt Gewissen, erzeugt positive Schlagzeilen und verhindert Diskussionen über Alternativen. Rehkitzrettung wird so zur PR-Maßnahme, nicht zum Einstieg in eine ernsthafte Tierschutzpolitik.
Politik darf sich nicht darauf beschränken, Symptome zu lindern und Widersprüche zu übertünchen. Wenn Tierschutz ernst gemeint ist, muss er ganzjährig gelten und nicht dort enden, wo jagdliche Interessen beginnen. Die öffentliche Darstellung von Jägern als Naturschützer ist deshalb kein harmloses Narrativ, sondern Teil einer politischen Verdrängung. Sie verschleiert, dass Jagd in ihrem Kern auf Tötung basiert und nicht auf Schutz.
Wer Tiere wirklich schützen will, muss den Mut haben, die Jagd als Steuerungsinstrument grundsätzlich zu hinterfragen. Alles andere bleibt Kosmetik. Die Rehkitzrettung mag Leid verhindern, sie legitimiert jedoch kein System, das Tierleben nach Saison, Zweck und Verwertbarkeit sortiert. Genau diese Doppelmoral ist kein lokales Problem, sondern ein politisches.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 GG. Er enthält politische und gesellschaftliche Wertungen zu Jagd, Tierschutz und öffentlicher Kommunikation. Es werden keine strafbaren Handlungen behauptet und keine falschen Tatsachen verbreitet. Die Kritik richtet sich an Strukturen, Narrative und öffentliche Darstellungen, nicht an einzelne namentlich benannte Personen.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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