Wie mediale Rituale die Realität verfehlen
Kaum eine politische Berichterstattung kommt heute ohne festen Vorspann aus. Noch bevor Inhalte genannt werden, wird markiert, eingeordnet und etikettiert. Die AfD erscheint selten einfach als politische Partei, sondern fast immer mit einem Zusatz, der dem Publikum vorab signalisiert, wie das Folgende zu bewerten ist. Erst die Warnung, dann die Information.
Dieses mediale Ritual hat sich verselbstständigt. Es wird nicht mehr begründet, sondern wiederholt. Nicht mehr diskutiert, sondern vorangestellt. Die Absicht ist klar: Distanz erzeugen, Deutung lenken, Zweifel begrenzen.
Nur zeigt die Realität inzwischen etwas anderes.
Trotz jahrelanger Dauerbegleitung dieser Art liegt die AfD in Umfragen stabil an der Spitze. Und zwar als Einzelpartei. Keine andere Partei erreicht derzeit vergleichbare Werte. Die Union liegt nur dann darüber, wenn zwei rechtlich eigenständige Parteien zusammengerechnet werden. CDU und CSU sind jedoch kein einheitlicher Parteikörper, sondern ein historisches Zweckbündnis. Zieht man diese rechnerische Besonderheit ab, bleibt keine führende Kraft mehr übrig.
Vergleicht man Partei mit Partei, ergibt sich ein nüchterner Befund: Die AfD ist aktuell die stärkste politische Formation in Deutschland.
Das ist umso bemerkenswerter, als diese Position nicht unter wohlwollenden Bedingungen entstanden ist. Kaum eine Partei wurde in der Geschichte der Bundesrepublik derart geschlossen kritisiert, moralisch eingeordnet und öffentlich problematisiert. Talkshows, Leitartikel und Kampagnen folgen oft demselben Muster. Mehr Einordnung als Analyse, mehr Haltung als Argument.
Trotzdem bleibt die Zustimmung stabil. Monat für Monat.
Das wirft eine unbequeme Frage auf. Wenn diese Partei unter permanentem Gegenwind solche Werte erzielt, wie groß wäre ihre Unterstützung ohne dieses Klima? Wie viele Menschen halten sich zurück, nicht aus mangelnder Überzeugung, sondern aus sozialer Vorsicht?
In Gesprächen hört man das immer häufiger. Inhaltliche Nähe ist vorhanden, offene Zustimmung wird vermieden. Aus Angst vor beruflichen Nachteilen, gesellschaftlicher Ausgrenzung oder familiären Konflikten. Dieses Klima verzerrt nicht nur Debatten, sondern auch Umfragen.
Die Themen, die viele Menschen ansprechen, sind dabei keineswegs neu. Migration, Sicherheit, Energiepolitik, staatliche Souveränität. Das sind Positionen, die früher zum bürgerlich-konservativen Mainstream gehörten. Neu ist vor allem der Umgang damit.
Für die etablierten Parteien ist diese Entwicklung gefährlich. Ihr politisches Gleichgewicht beruht darauf, dass die AfD isoliert bleibt. Doch dieses Modell trägt nicht mehr. Während mehrere Parteien an Vertrauen verlieren, bleibt eine konstant stark.
Besonders deutlich wird das in Ostdeutschland. Dort zeichnet sich ab, dass politische Mehrheiten entstehen könnten, die lange als undenkbar galten. Die Nervosität darüber erklärt die Schärfe der Debatten. Verbotsforderungen und moralische Alarmrufe ersetzen zunehmend die inhaltliche Auseinandersetzung.
Dabei liegt die Ursache tiefer. Das Wachstum der AfD ist vor allem Ausdruck politischer Versäumnisse der etablierten Parteien. Wer Probleme über Jahre benennt, ohne tragfähige Lösungen zu liefern, verliert Vertrauen. Wer politische Entscheidungen erklärt, statt ihre Folgen zu korrigieren, schafft Distanz. Und wer Kritik moralisch abwehrt, anstatt sich ihr argumentativ zu stellen, verstärkt genau jene Dynamiken, die er eigentlich verhindern will.
So erzählen die Umfragen keine Geschichte vom Extrem, sondern vom Vertrauensverlust. Ein wachsender Teil der Bevölkerung fühlt sich politisch nicht mehr vertreten und sucht Alternativen. Je lauter man versucht, diesen Weg zu verbieten, desto größer wird das Interesse an ihm.
Am Ende bleibt eine einfache Frage.
Wie sähe dieses Land politisch aus, wenn Menschen ohne Angst vor sozialer Ächtung wählen könnten?
Disclaimer: Dieser Beitrag stellt eine politische Meinungsäußerung und Analyse im Sinne von Art. 5 Abs. 1 GG dar. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und enthält keine Tatsachenbehauptungen über Personen im Sinne ehrenrühriger Vorwürfe. Alle Wertungen sind als solche kenntlich und Teil der öffentlichen politischen Debatte.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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