Wie ein linker Anschlag medial zur hybriden Nebelkerze umetikettiert wird
Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob hier noch Journalismus betrieben wird oder schon politisches Improvisationstheater.
Der Versuch, nach dem Berliner Stromanschlag plötzlich an der Echtheit eines linksextremen Bekennerschreibens zu zweifeln, wirkt weniger wie sorgfältige Aufklärung und mehr wie hektische Schadensbegrenzung. Der von der Gießener Allgemeine aufgegriffene Gedankengang, Rechtschreibfehler und stilistische Auffälligkeiten könnten auf russische KI-Manipulation hindeuten, ist dabei besonders entlarvend. Seit wann gelten fehlerhafte Namen, schiefe Formulierungen oder sprachliche Ungenauigkeiten als belastbarer Beweis für hybride Kriegsführung.
Wer auch nur oberflächlich mit linksextremen Veröffentlichungen vertraut ist, weiß, dass sprachliche Unsauberkeit dort keine Anomalie, sondern Normalzustand ist. Daraus nun eine Spur nach Moskau zu konstruieren, ersetzt Analyse durch Spekulation. Dass ausgerechnet die taz in diesem Zusammenhang als mögliche Empfangsstelle genannt wird, ohne dass dort ein entsprechendes Schreiben vorliegt, verstärkt den Eindruck einer medialen Selbstverwirrung. Wenn gleichzeitig eingeräumt wird, dass auf einschlägigen Plattformen jeder Texte einstellen kann, bleibt vom vermeintlichen Indizienfund schlicht nichts übrig.
Besonders auffällig ist die Geschwindigkeit, mit der geopolitische Erklärungen bemüht werden, sobald ein Anschlag nicht reibungslos in etablierte Deutungsmuster passt. Statt nüchtern zu prüfen, ob ein linksextremes Tatmotiv vorliegt, wird vorsorglich der Nebel aus KI, Russland und hybrider Bedrohung aufgezogen. Das wirkt weniger wie Vorsicht, sondern wie Ausweichbewegung. Auch der Hinweis der Tagesschau, die Authentizität sei noch nicht abschließend geklärt, rechtfertigt keine spekulative Aufladung, sondern lediglich Zurückhaltung.
Während tausende Menschen ohne Strom, Wärme und Planungssicherheit dastehen und erhebliche wirtschaftliche Schäden entstanden sind, verlagert sich die Debatte auf orthografische Details eines Bekennerschreibens. Das ist keine Prioritätensetzung im Sinne der Betroffenen, sondern eine politische und mediale Nebelkerze. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass geprüft wird, sondern wie geprüft wird. Wer jede unbequeme Tat reflexhaft externalisiert, schwächt am Ende die eigene Glaubwürdigkeit.
Wenn Linksextremismus nur dann klar benannt wird, solange er sich problemlos ins eigene Weltbild einfügt, ist das kein Beitrag zur Aufklärung, sondern zur Relativierung. Lächerlich ist daran nicht der Zweifel an sich, sondern die Dünnheit der Argumente, mit denen er begründet wird.
Disclaimer: Dieser Kommentar stellt eine Meinungsäußerung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 GG dar. Er basiert auf öffentlich zugänglichen Medienberichten und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder abschließende Tatsachenfeststellung. Es werden keine strafrechtlichen Vorwürfe gegen konkrete Personen erhoben. Alle genannten Vorgänge stehen unter dem Vorbehalt der weiteren Ermittlungen der zuständigen Behörden.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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