AfD-Parteitag startet pünktlich, während die Blockierer sich selbst sortieren
Der AfD-Bundesparteitag in Erfurt sollte nach dem Willen der selbsternannten Demokratie-Retter verhindert werden. Das Bündnis „Widersetzen“ hatte genau das angekündigt: blockieren, stören, lahmlegen. Am Ende begann der Parteitag trotzdem pünktlich. Laut Medienberichten waren bereits früh am Morgen Hunderte Delegierte auf dem Gelände der Messe Erfurt, viele offenbar lange vor dem eigentlichen Beginn. Gegen 5 Uhr sollen bereits rund 540 Delegierte angekommen gewesen sein. Der Parteitag konnte planmäßig starten. Für eine Bewegung, die den großen antifaschistischen Stillstand ausrufen wollte, ist das ungefähr so erfolgreich wie ein Feueralarm nach dem Grillabend.
Besonders hübsch an dieser politischen Slapsticknummer ist die Dramaturgie. Während draußen noch blockiert, gesessen, gerufen und vermutlich sehr entschlossen in Thermobecher geatmet wurde, saßen drinnen längst die Delegierten. Die AfD war in der Halle, der Parteitag lief, die Geschäftsordnung hatte mehr Wirkung als der Straßenkampf. Ausgerechnet jene, die sonst gern erklären, sie seien taktisch, organisiert und historisch auf der richtigen Seite, kamen offenbar zu spät zur eigenen Blockade. Man kann es kaum erfinden. Man müsste es sonst bei öffentlich-rechtlichen Satireformaten einreichen, wo es dann vermutlich als zu plump abgelehnt würde.
Natürlich gab es massive Gegenproteste. Die Polizei sprach laut Tagesschau von rund 31.000 Teilnehmern, das Bündnis „Widersetzen“ nannte mindestens 50.000. Blockaden gab es rund um die Messe, an Zufahrtsstraßen und laut Berichten auch auf der A71 und der B4. Nur nützt die größte Zahl wenig, wenn das eigentliche Ziel verfehlt wird. Wer einen Parteitag verhindern will, sollte vielleicht nicht erst dann groß auftrumpfen, wenn die zu Verhindernden bereits am Kaffeeautomaten stehen.
Besonders absurd wirkt die Aktion auf der Autobahn. Laut Focus sollen etwa 300 Aktivisten die A71 bei Gispersleben blockiert haben. In Videos war demnach zu sehen, wie Menschen über Zäune auf die Autobahn gelangten. Gleichzeitig waren im Umfeld des Parteitags ohnehin umfangreiche Sperrungen und Kontrollen eingerichtet worden. Da sitzt man dann also mit großem revolutionärem Pathos auf Asphalt, den der normale Verkehr sowieso nicht mehr normal nutzen kann. Widerstand gegen die Straßensperrung durch Sitzen auf der Straßensperrung. Das ist nicht ziviler Ungehorsam, das ist Verwaltungslyrik in schwarzer Kleidung.
Der politische Witz des Tages ist aber nicht nur, dass die Blockaden ihr Hauptziel verfehlten. Der Witz ist, dass die Protestszene sich stellenweise selbst blockierte. Wer Zufahrten dichtmacht, auf gesperrten Strecken sitzt und Busse, Helfer oder eigene Unterstützer ins Chaos schickt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende vor allem die eigene Logistik leidet. Die AfD-Delegierten waren da, die Veranstaltung lief, die Gegner standen draußen und erklärten sich gegenseitig, warum das trotzdem irgendwie ein Erfolg gewesen sein soll. Auch Niederlagen brauchen heute offenbar eine Pressestelle.
Dabei zeigt dieser Tag sehr deutlich, worum es im Kern geht. Parteien haben in Deutschland das Recht, Parteitage abzuhalten, sie müssen es gesetzlich sogar. Man darf gegen sie demonstrieren. Man darf sie kritisieren. Man darf laut sein, bunt sein, wütend sein und meinetwegen auch mit fünf Trommeln und sieben Transparenten durch die Stadt ziehen. Aber der Versuch, eine zugelassene Partei durch Blockaden an ihrer Versammlung zu hindern, ist kein demokratischer Glanzmoment. Es ist der alte Irrtum jener, die Meinungsfreiheit immer dann besonders wichtig finden, wenn sie selbst am Mikrofon stehen.
Für die AfD wurde dieser Parteitag damit schon vor den eigentlichen Beschlüssen zum Symbol. Während die Gegner draußen versuchten, den Ablauf zu stören, gelang der Partei genau das, was verhindert werden sollte: Sie kam zusammen. Pünktlich. Unter Polizeischutz. Sichtbar. Und mit Bildern, die politisch kaum besser hätten laufen können. Die Botschaft war schlicht: Wer früh genug aufsteht, gewinnt manchmal gegen jene, die den ganzen Tag „Widerstand“ rufen, aber offenbar den Wecker nicht beherrschen.
Am Ende bleibt ein bemerkenswerter Tag. Zehntausende demonstrieren gegen einen Parteitag, der trotzdem stattfindet. Aktivisten blockieren Straßen, während die Delegierten längst in der Halle sind. Auf Autobahnen wird gesessen, auf denen ohnehin Sperrungen und Kontrollen den Verkehr bestimmen. Und draußen feiert man sich dafür, drinnen nicht verhindert zu haben, was man verhindern wollte.
Wenn das der große antifaschistische Plan war, dann darf man feststellen: Er hatte Schwächen. Organisatorisch. Strategisch. Und offenbar auch beim Aufstehen.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist ein politischer Kommentar. Er enthält Wertungen, Zuspitzungen und satirische Formulierungen. Tatsachenbehauptungen stützen sich auf die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbaren Medienberichte. Einzelne Vorgänge können sich im weiteren Verlauf noch verändern oder präzisiert werden.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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