Wie viele Tiere leiden wirklich am ASP-Zaun im Lahn-Dill-Kreis?
Die Diskussion um die ASP-Schutzzäune bekommt neue Nahrung. Die Siegener Zeitung berichtet aktuell über deutliche Kritik von Tierschützern an den Zäunen im Kreis Siegen-Wittgenstein. Dort ist von Wildtieren die Rede, die sich in den Zäunen verfangen, von unterbrochenen Wildwechseln und sogar von Wasserstellen, die für Tiere nur wenige Meter entfernt liegen, wegen der Absperrungen aber nicht mehr erreichbar sein sollen.
Das sollte auch im benachbarten Lahn-Dill-Kreis aufmerksam machen.
Denn auch bei uns wurden im Zuge der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest umfangreiche Schutzzäune errichtet. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Seuchenschutz notwendig ist. Das ist er. Die Frage ist vielmehr, ob bei kilometerlangen Barrieren ausreichend berücksichtigt wird, was diese für Rehe, Hirsche, Füchse, Dachse und andere Wildtiere bedeuten.
Ein Zaun unterscheidet schließlich nicht zwischen einem Wildschwein und einem Reh.
Wer über Generationen bestehende Wildwechsel durchschneidet, verändert Lebensräume. Tiere müssen Umwege suchen, können in Stress geraten oder versuchen, Hindernisse zu überwinden. Besonders problematisch wird es, wenn dadurch der Zugang zu Wasser, Äsungsflächen oder Rückzugsgebieten erschwert oder vollständig abgeschnitten wird.
Genau deshalb reicht es nicht, lediglich darauf zu verweisen, dass die Zäune der ASP-Bekämpfung dienen. Auch eine notwendige Maßnahme muss regelmäßig auf ihre Nebenwirkungen überprüft werden.
Für den Lahn-Dill-Kreis stellen sich daher ganz konkrete Fragen: Werden verletzte oder verendete Wildtiere entlang der ASP-Zäune systematisch erfasst? Wie häufig werden die Zäune kontrolliert? Sind bekannte Wildwechsel berücksichtigt worden? Gibt es ausreichend Durchlässe für andere Tierarten? Wurde geprüft, ob Wasserstellen durch die Zäune abgeschnitten oder nur noch über erhebliche Umwege erreichbar sind? Und werden Erkenntnisse aus den angrenzenden Regionen genutzt, um problematische Zaunabschnitte bei uns anzupassen?
Gerade die Berichte aus Siegen-Wittgenstein zeigen, dass diese Fragen nicht mit einem Schulterzucken erledigt werden sollten!
Seuchenschutz darf nicht bedeuten, dass man kilometerlange Zäune durch Wälder und Landschaften zieht und anschließend nur noch darauf schaut, ob sie Wildschweine aufhalten. Wer in natürliche Lebensräume eingreift, trägt auch Verantwortung für die Folgen dieses Eingriffs.
Der Lahn-Dill-Kreis sollte deshalb transparent darlegen, welche Erkenntnisse über verletzte oder verendete Tiere vorliegen und wie sichergestellt wird, dass notwendiger ASP-Schutz nicht vermeidbares Tierleid verursacht.
Denn spätestens wenn Tiere wenige Meter von einer Wasserstelle entfernt stehen und sie wegen eines Zaunes nicht erreichen können, wird aus einer technischen Seuchenschutzmaßnahme eine Frage des Tierschutzes.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Blick nach Sachsen. Dort wurden nach der damaligen Aufhebung der ASP Restriktionszonen bereits rund 500 von insgesamt 830 Kilometern errichteter Schutzzäune wieder entfernt. Der Rückbau erfolgte nach einer Neubewertung der Seuchenlage. Das zeigt zumindest eines sehr deutlich: Solche kilometerlangen Barrieren dürfen kein Dauerzustand werden. Wenn sich die Lage verändert, müssen Nutzen, Notwendigkeit und Folgen der Zäune immer wieder neu bewertet werden. Genau diese kritische Prüfung muss es auch im Lahn-Dill-Kreis geben. Ein einmal errichteter Zaun darf nicht allein deshalb stehen bleiben, weil er nun einmal da ist.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist ein kritischer Kommentar zur Ausgestaltung und Kontrolle der ASP-Schutzmaßnahmen. Er stellt die Notwendigkeit einer wirksamen Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest nicht grundsätzlich infrage. Berichte über konkrete Tierverluste oder Beeinträchtigungen sollten durch die jeweils zuständigen Behörden überprüft und dokumentiert werden.
© 2026 Mirko Fuchs
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