Wenn „Flachzangen“ zum Skandal werden, andere Beleidigungen aber offenbar dazugehören
Alice Weidel bezeichnet im ZDF Sommerinterview Regierungspolitiker als „Flachzangen“ und schon ist die Empörung groß. Die Wortwahl kann man für scharf oder unangemessen halten. Das ist völlig legitim. Nur sollte dieser Maßstab dann bitte für alle gelten.
Denn Philipp Amthor von der CDU bezeichnete Björn Höcke öffentlich als „dünnbrettbohrenden Schwachkopf“. Ulrich Siegmund wiederum wurde von Amthor als „Duftkerzenverkäufer“ verspottet.
Wo bleibt bei solchen Aussagen die vergleichbare Empörung über Stil, Respekt und politische Kultur?
Genau darin liegt das Problem. Wenn Alice Weidel „Flachzangen“ sagt, wird über Anstand diskutiert. Wenn ein CDU Politiker einen AfD Politiker als „dünnbrettbohrenden Schwachkopf“ bezeichnet oder einen anderen als „Duftkerzenverkäufer“ verspottet, wird das wesentlich bereitwilliger als zugespitzte politische Auseinandersetzung behandelt.
Das ist ein doppelter Maßstab.
Und wenn wir schon über Anstand sprechen, gehört für mich noch etwas anderes dazu: Wer einen Politiker zu einem Sommerinterview einlädt, sollte ihn auch ausreden lassen.
Ein Interview darf und muss kritisch sein. Journalisten sollen nachfragen, widersprechen und Aussagen überprüfen. Aber kritisches Nachfragen ist etwas anderes als ein Gespräch, bei dem Antworten immer wieder unterbrochen werden. Der Zuschauer sollte schließlich erfahren können, was der Gast tatsächlich zu sagen hat und nicht nur, wie schnell Interviewer und Politiker gleichzeitig reden können.
Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn ausführliche Gesprächsformate wie „Ben ungeskriptet“ Zuspruch bekommen. Dort können Gäste ihre Positionen ausführlicher darstellen. Das bedeutet nicht, dass man ihnen zustimmen muss. Im Gegenteil: Gerade kontroverse Positionen sollte man vollständig hören können, um sich anschließend selbst ein Urteil zu bilden.
Die AfD muss sich Kritik gefallen lassen. Auch harte Kritik. Das gehört zur Demokratie. Aber derselbe Maßstab muss für CDU, SPD, Grüne, Linke und alle anderen gelten.
Entweder wir wollen eine politische Kultur, in der persönliche Herabsetzungen keinen Platz haben. Dann sind „Flachzangen“, „dünnbrettbohrender Schwachkopf“ und „Duftkerzenverkäufer“ gleichermaßen zu kritisieren.
Oder wir akzeptieren einen raueren politischen Ton. Dann sollte man allerdings nicht selektiv empört sein, sobald die verbale Spitze aus der falschen politischen Richtung kommt.
Wer sich über „Flachzangen“ empört, darf beim „dünnbrettbohrenden Schwachkopf“ und beim „Duftkerzenverkäufer“ nicht plötzlich beide Ohren zuklappen.
Disclaimer: Dieser Beitrag gibt eine persönliche politische Meinung und Bewertung öffentlich getätigter Aussagen wieder. Kritik richtet sich ausschließlich gegen politische Äußerungen, den öffentlichen Umgang miteinander und unterschiedliche Maßstäbe in der politischen Debatte. Sie ist nicht als persönliche Herabwürdigung einzelner Personen zu verstehen. Maßgeblich ist, dass Meinungsfreiheit, Kritik und politische Fairness für alle Beteiligten gleichermaßen gelten müssen.
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