Zensur statt Aufklärung

Die inszenierte Anti-Wolf-Propaganda von Greifenstein

Ein Redaktionskommentar zur Veranstaltung „Der Wolf in Mittelhessen 2.0“

Wie Bürger getäuscht, Fakten zensiert und der Artenschutz demontiert werden

Ein Gastbeitrag von Martina Zöllner

Bild: Martina Zöllner, Fachjournalistin

Wer eine Veranstaltung mit dem Titel „Informationen zum Wolf“ überschreibt, suggeriert der Öffentlichkeit Aufklärung, Transparenz und Sachlichkeit. Was den mehr als 200 erschienenen Bürgern jedoch am 12. Juni im Dorfgemeinschaftshaus Rodenroth geboten wurde, war ein demokratisches und journalistisches Armutszeugnis. Es war keine Informationsveranstaltung. Es war eine lupenreine, gezielt orchestrierte Anti-Wolf-Propaganda, bei der Fakten bewusst unterdrückt wurden, um die Bevölkerung einseitig zu manipulieren.

Die systematische Täuschung der Öffentlichkeit

Wenn auf einem Podium ausschließlich Jäger, Bauernverbandsvertreter und Behördenmitarbeiter sitzen, während Natur- und Artenschutzverbände systematisch ausgegrenzt bleiben, ist das Ziel klar: Es geht nicht um Wissensvermittlung, sondern um die Pflege eines Feindbildes. Die Bürgerinnen und Bürger vor Ort hatten keine Chance, objektiv informiert zu werden. Die essenzielle ökologische Bedeutung des Wolfes, die Notwendigkeit und Verantwortung für funktionierenden Herdenschutz und artgerechte Tierhaltung – all diese Kausalitäten wurden schlichtweg totgeschwiegen.

Besonders perfide: Den Anwesenden wurde suggeriert, der Wolf könne und müsse nun zügig „entnommen“ (also abgeschossen) werden. Die wissenschaftliche und rechtliche Faktenlage sieht jedoch völlig anders aus. Der Wolf hat in Hessen und speziell im Raum Greifenstein noch längst nicht den zwingend erforderlichen günstigen Erhaltungszustand erreicht, der solche Abschüsse rechtfertigen würde. Doch genau diese unbequeme Wahrheit sollte an diesem Abend mit aller Macht verhindert werden.

Mikrofon-Entzug: Ein Frontalangriff auf die Pressefreiheit

Wie drastisch die Veranstalter gegen Fakten vorgingen, zeigte sich in einem beispiellosen Eklat. Eine anwesende Natur-Fachjournalistin (Mitglied im Deutschen Fachjournalisten-Verband, DFJV) gab sich klar als Pressevertreterin zu erkennen. Sie wollte genau jene kritische Faktenlage zum Erhaltungszustand in Hessen darlegen und mit einer fundierten Frage den einseitigen Konsens aufbrechen. Da komplexe ökologische Zusammenhänge eine kurze fachliche Einleitung erfordern, um für das Publikum verständlich zu sein, setzte sie zu einer solchen an.

Was dann geschah, offenbart die völlige Intoleranz der Veranstalter gegenüber abweichenden Fakten: Der Moderator Florian Müller würgte die Fachjournalistin rigoros ab und entzog ihr mitten im Satz das Mikrofon. Die Begründung, man lasse „keine Gegen-Vorträge“ zu, ist eine fadenscheinige Ausrede für Zensur. Wenn kritische Fragen von Pressevertretern physisch unterbunden werden, weil sie das mühsam aufgebaute Narrativ stören könnten, verlässt eine Veranstaltung den Boden des demokratischen Diskurses.

Doppelmoral auf offener Bühne

Wie heuchlerisch das Vorgehen des Moderators war, zeigte sich nur Momente später. Während der Fachpresse das Wort verboten wurde, genossen Wolfsgegner absolute „Narrenfreiheit“. So wurde es einem anwesenden Tierarzt völlig ungestört gestattet, die Plattform zu nutzen, um die Anwesenden aufzuwiegeln. Er durfte ungeniert dazu aufrufen, sich im Anschluss an die Veranstaltung zu treffen, um sich gemeinsam gegen den Wolf zu formieren und ihn zu bekämpfen. Hier schritt niemand ein. Hier wurde kein Mikrofon entzogen. Populistische Stimmungsmache war willkommen – wissenschaftliche Fakten wurden zensiert. Unter anderem wurde während der Veranstaltung auch mehrfach zu Wolfssichtungen aufgerufen und diese zu melden. Offenbar mit dem Hintergrundwunsch, Wölfe noch gezielter bekämpfen und lokalisieren zu können.

Das ohrenbetäubende Schweigen der Verantwortlichen

Das wohl erschreckendste Signal dieses Abends war jedoch das Totalversagen der anwesenden Politik und Verbandsspitzen. Auf dem Podium und im Saal saßen Vertreter der Landwirtschaft und der Behörden. Auch der Vize-Landrat des Lahn-Dill-Kreises, Frank Inderthal (SPD) – selbst Jäger – war zugegen. Man hätte erwarten müssen, dass politische Amtsträger oder Verbandsvertreter einschreiten, wenn einer Journalistin das Wort entzogen und die Veranstaltung zur „Anti-Artenschutz-Mahnwache“ umfunktioniert wird. Stattdessen hüllten sie sich in ohrenbetäubendes Schweigen und machten sich damit zu Komplizen dieser Einseitigkeit.

Fazit: Ein Generalangriff auf den Artenschutz

Dieser Abend im hessischen Greifenstein-Rodenroth hat tiefe Risse in der Diskussionskultur offenbart. Es ging hier längst nicht mehr nur um den Wolf. Es war ein frontaler Angriff auf streng geschützte Arten, die mit aller Gewalt schlechtgemacht werden sollten. Die Bürger wurden an diesem Abend nicht informiert, sie wurden indoktriniert. Wer kritische Stimmen aus der Fachpresse mundtot macht, um seine eigene, faktenbefreite Agenda durchzudrücken, hat jedes Recht verwirkt, von einer „Informationsveranstaltung“ zu sprechen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Bevölkerung nicht von derart durchschaubaren und manipulativen Inszenierungen blenden lässt und man hier eher nach Lösungen zu einer Koexistenz mit Nutztierhaltern und Wölfen suchen sollte. Zudem wäre es wünschenswert gewesen, eine ausgewogene Berichterstattung, wie die einer Fachjournalistin mit dem Themenschwerpunkt Natur- und Artenschutz, in die Diskussionen mit einzubinden. Letztlich um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die die Meinungsbildung zum Thema „Pro und Kontra Wolf“ beidseitig zufriedenstellen und um darüber faktenbasiert und seriös zu informieren.


Mein Kommentar dazu: Artenschutz braucht Fakten statt Stimmungsmache

Ich war zwar nicht vor Ort, aber mich bestärkt so eine Veranstaltung eher in meiner Überzeugung. Wer wirklich an einer Lösung interessiert ist, sollte keine Seite von vornherein ausschließen. Gerade bei einem so emotionalen Thema braucht es unterschiedliche Sichtweisen, wissenschaftliche Erkenntnisse und einen respektvollen Austausch.

Ich stehe zum Wolf. Nicht, weil ich die Sorgen von Weidetierhaltern kleinreden möchte, sondern weil ich überzeugt bin, dass ein streng geschütztes Wildtier nicht zum politischen Sündenbock gemacht werden darf. Herdenschutz, Entschädigungen und vernünftige Konzepte gehören auf den Tisch. Pauschale Abschussforderungen lösen die eigentlichen Probleme nicht.

Wenn eine Veranstaltung als Informationsabend angekündigt wird, dann erwarte ich, dass auch Stimmen aus Natur- und Artenschutz zu Wort kommen. Nur wer alle Argumente hört, kann sich eine eigene Meinung bilden. Alles andere wirkt auf mich eher wie der Versuch, eine bereits feststehende Position zu bestätigen, statt offen über Lösungen zu diskutieren.

Der Wolf gehört zu unserer heimischen Natur. Mit ihm zu leben ist eine Herausforderung. Aber Herausforderungen löst man mit Fakten und Vernunft, nicht mit Stimmungsmache.

Mirko Fuchs


Disclaimer: Der Artikel ist ein Gastbeitrag und stammt nicht von mir. Ich veröffentliche ihn, weil ich die darin vertretene grundsätzliche Haltung zum Wolf und die Bedeutung einer offenen, faktenbasierten Diskussion für unterstützenswert halte. Mein anschließender Kommentar gibt meine persönliche Meinung wieder.

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Titelbild: KI-generiert – keine reale Szene
Beitragsfoto: Martina Zöllner


 


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