Kitzrettung ist sinnvoll. Aber die große Heiligsprechung der Jäger ist absurd
Vor dem Mähen Wiesen abzusuchen, ist absolut richtig. Daran gibt es nichts zu deuteln. Wer weiß, dass Rehkitze, Feldhasen oder Bodenbrüter in hohem Gras liegen können, hat eine Verantwortung. Landwirte, Bewirtschafter und Helfer müssen alles Zumutbare tun, um Tiere vor dem grausamen Mähtod zu bewahren. Drohnen mit Wärmebildtechnik sind dabei ein sinnvoller Fortschritt. Wenn dadurch Kitze gerettet werden, ist das gut. Punkt.
Aber genau an dieser Stelle beginnt die Schieflage.
Denn wenn sich ausgerechnet Jäger als große Retter der Rehkitze inszenieren, wird es schwierig. Nicht, weil Kitzrettung falsch wäre. Sondern weil die moralische Bühne, auf der manche sich dabei präsentieren, einen ziemlich bitteren Beigeschmack hat. Morgens wird das Rehkitz aus der Wiese getragen, fürs Foto gerettet und als Beweis großer Tierliebe verkauft. Später wird aus dem geretteten Wildtier dann wieder „Stück Wild“, „Abschussplan“, „Strecke“ oder „Bestandsregulierung“. Was für eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit der Sprache. Fast schon poetisch, wenn es nicht so zynisch wäre.
Natürlich ist es sinnvoll, Jungtiere vor dem Mähtod zu schützen. Kein Tier sollte von einem Mähwerk zerfetzt werden. Das ist qualvoll, vermeidbar und moralisch nicht hinnehmbar. Aber wer sich öffentlich als Lebensretter feiern lässt, sollte sich auch gefallen lassen, dass man auf den Widerspruch hinweist: Die gleiche Jagdkultur, die Kitze im Frühsommer mit großem Aufwand rettet, ist später Teil eines Systems, in dem Rehe bejagt und getötet werden. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist der Elefant auf der Wiese, nur dass er vermutlich auch noch unter Jagdrecht fallen würde, wenn man ihn lange genug verwaltet.
Besonders pervers wird es, wenn die Rettung zur Imagepflege der Jagd wird. Dann geht es nicht mehr nur um Tierschutz, sondern um Öffentlichkeitsarbeit. Um das Bild vom verantwortungsvollen Naturmenschen, der früh aufsteht, Drohnen fliegt und Leben rettet. Dieses Bild ist bequem. Es blendet aber aus, dass viele dieser Tiere später nicht an Altersschwäche sterben, sondern durch Kugeln, Treibjagden und Abschussvorgaben. Wer das anspricht, ist nicht gegen Kitzrettung. Er ist gegen Heuchelei.
Auch die Landwirte sind aus der Verantwortung nicht zu entlassen. Wer mäht, muss vorher dafür sorgen, dass keine Tiere im Gras liegen. Das ist keine freiwillige Nettigkeit, sondern eine Frage von Tierschutz und Sorgfalt. Es reicht nicht, die Verantwortung bequem an Jäger oder Vereine weiterzureichen. Wer Fläche bewirtschaftet, trägt Verantwortung für das, was darauf lebt. Auch dann, wenn es unbequem ist. Gerade dann.
Der eigentliche Maßstab müsste sein: Tierschutz ohne Inszenierung. Wiesen absuchen, Tiere sichern, sauber dokumentieren, rechtzeitig mähen und danach nicht so tun, als sei damit das gesamte Verhältnis zwischen Jagd und Tierleid erledigt. Kitzrettung ist wichtig. Aber sie macht die Jagd nicht automatisch moralisch sauber. Ein gerettetes Rehkitz ist kein Ablassbrief für spätere Abschüsse.
Deshalb: Ja zur Kitzrettung. Ja zu Drohnen, Wärmebildtechnik und engagierten Helfern. Ja zu mehr Verantwortung der Landwirte. Aber nein zur Selbstbeweihräucherung einer Jagdszene, die sich morgens als Schutzmacht der Rehe feiern lässt und später das Töten derselben Tiere als notwendige Normalität verkauft.
Wer Tiere retten will, soll Tiere retten. Ohne Heiligenschein. Ohne Imagekampagne. Und ohne so zu tun, als sei ein Rehkitz nur dann schützenswert, wenn gerade kein Jagdtermin im Kalender steht.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist ein Kommentar und stellt eine persönliche Meinungsäußerung dar. Er richtet sich nicht gegen einzelne Personen, sondern kritisiert den grundsätzlichen Widerspruch zwischen öffentlicher Kitzrettung und späterer Bejagung von Wildtieren.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI-generiert
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