Fünf vor Zwölf? Eher Fünf nach Zwölf!

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Die IG Metall demonstriert in Herborn gegen den Kahlschlag, nachdem sie aus meiner Sicht viel zu lange zugesehen hat.

Am 11. September will die IG Metall gemeinsam mit anderen Gewerkschaften unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag“ durch Herborn ziehen. Es ist von Stellenabbau, Verlagerungen, fehlenden Investitionen und rund 1.500 gefährdeten Arbeitsplätzen die Rede.

Plötzlich heißt es: „Die Lage ist ernst.“

Die entscheidende Frage lautet allerdings: Seit wann eigentlich?

Denn die Probleme unserer Industrie sind nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Hohe Energiepreise, wachsende Bürokratie, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, Investitionszurückhaltung und die zunehmende Verlagerung von Produktion ins Ausland begleiten uns seit Jahren.

Wo war der große Aufschrei, als sich diese Entwicklung immer deutlicher abzeichnete?

Wo waren die großen Demonstrationen, als Unternehmen begannen, Investitionen zurückzufahren, Standorte infrage zu stellen und Produktionskapazitäten ins Ausland zu verschieben?

Jetzt, wo bei zahlreichen Betrieben der Region Personalabbau konkret wird, entdeckt die IG Metall plötzlich den Marktplatz.

Das wirkt weniger wie entschlossener Widerstand als wie Symbolpolitik, nachdem das Kind längst in den Brunnen gefallen ist.

Natürlich tragen Unternehmensleitungen Verantwortung für ihre Entscheidungen. Natürlich müssen Fehlentscheidungen des Managements kritisiert werden. Aber eine Gewerkschaft, die für sich beansprucht, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, muss sich ebenfalls fragen lassen, ob sie wirtschafts und industriepolitische Fehlentwicklungen in den vergangenen Jahren ausreichend deutlich kritisiert hat.

Wer aus meiner Sicht viele industriepolitische Fehlentwicklungen über Jahre nicht mit derselben Entschlossenheit bekämpft hat, mit der heute demonstriert wird, muss sich kritische Fragen gefallen lassen. Wer erst dann besonders laut wird, wenn Stellenabbau, Verlagerungen und Investitionsstau längst konkret geworden sind, kann sich anschließend nicht ausschließlich als Kämpfer gegen deren Folgen präsentieren.

Ich denke, deshalb trägt die IG Metall auch eine politische Mitverantwortung dafür, dass notwendiger Widerstand gegen den schleichenden Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit viel zu spät sichtbar geworden ist.

Eine Demonstration kann Aufmerksamkeit schaffen. Sie ersetzt aber keine jahrelang versäumte Auseinandersetzung mit den Ursachen.

Wenn heute von „fünf vor zwölf“ gesprochen wird, muss man nüchtern feststellen:

Für manche Arbeitsplätze könnte es längst fünf nach zwölf sein.

Die Beschäftigten brauchen deshalb mehr als Transparente, Busse und Reden auf dem Herborner Marktplatz. Sie brauchen eine Industriepolitik, die Produktion in Deutschland wieder konkurrenzfähig macht, bezahlbare Energie, weniger Bürokratie und Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen überhaupt noch investieren wollen.

Und sie brauchen Arbeitnehmervertretungen, die solche Fehlentwicklungen nicht erst dann lautstark entdecken, wenn Stellenabbau und Werksschließungen bereits auf der Tagesordnung stehen.

„Zukunft statt Kahlschlag“ ist ein schönes Motto.

Noch besser wäre gewesen, den Kahlschlag zu bekämpfen, bevor die ersten Bäume gefallen sind.

So bleibt am Ende der Eindruck: viel rote Fahne, viel große Bühne, viel Empörung, aber reichlich spät. Wer erst demonstriert, wenn der industrielle Kahlschlag längst begonnen hat, betreibt vor allem eines: politische Show mit Ansage.


Disckaimer: Dieser Beitrag stellt eine politische Meinungsäußerung und Bewertung aktueller wirtschaftlicher und gewerkschaftspolitischer Entwicklungen dar. Die Kritik an einer politischen Mitverantwortung der IG Metall ist ausdrücklich als Werturteil zu verstehen und nicht als Behauptung, die Gewerkschaft habe konkrete unternehmerische Entscheidungen oder Arbeitsplatzverluste verursacht.

Karikatur: Künstlerische Darstellung zur politischen Kommentierung. Die dargestellte Szene gibt nicht den tatsächlichen Ablauf oder die konkrete Ausstattung der angekündigten Demonstration wieder.

© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI – generiert


 

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