Ein Bericht, der mehr über seinen Verfasser verrät als über die Veranstaltung
Man kann die AfD ablehnen. Man kann ihre Positionen scharf kritisieren. Man kann ihre Politiker mit harten Fragen konfrontieren und ihre Aussagen einordnen. Genau dafür ist Journalismus da. Was der Journalist Mika Beuster jedoch in seinem Bericht über den Bürgerdialog im neuen „Zentrum für Demokratie und Freiheit“ in Biedenkopf veröffentlicht hat, überschreitet nach meiner Auffassung diese Grenze deutlich.
Wer den Artikel liest, erwartet eine Berichterstattung über eine politische Veranstaltung. Tatsächlich entsteht über weite Strecken der Eindruck, dass weniger über den Inhalt des Abends berichtet werden sollte als vielmehr über die Menschen, die ihn besucht haben. Nicht die Argumente der Redner stehen im Mittelpunkt, sondern Gulaschsuppe, Smartphone-Bildschirme, Werbegeschenke und ein verschütteter Suppenfleck auf einem T-Shirt.
Man muss sich ernsthaft fragen, welchen journalistischen Erkenntnisgewinn es haben soll, dass ein Besucher mehrfach Suppe holte oder sich diese auf sein Shirt schüttete. Welchen Informationswert hat es für den Leser, welche Bilder der Autor angeblich auf den Smartphones einzelner Gäste erkannt haben will? Autos, leicht bekleidete Frauen und AfD-Beiträge werden ausführlich erwähnt. Das mag für eine Boulevardspalte reichen. Mit einer seriösen politischen Reportage hat das nach meinem Verständnis wenig zu tun.
Während solche Nebensächlichkeiten breit ausgewalzt werden, kommen die eigentlichen politischen Inhalte erstaunlich kurz. Die finanzpolitischen Ausführungen von Julian Schmidt oder die verteidigungspolitischen Positionen von Jan Nolte werden nur ausschnittsweise wiedergegeben und an mehreren Stellen unmittelbar kommentiert oder relativiert. Damit verschwimmt die Grenze zwischen Nachricht und Meinung. Ein Journalist darf selbstverständlich einordnen. Er sollte jedoch sauber zwischen Tatsachenbericht und persönlicher Bewertung unterscheiden.
Auffällig ist außerdem die unterschiedliche Darstellung der beiden Lager. Die Gegendemonstranten werden überwiegend positiv beschrieben. Ihre Forderungen erhalten Raum, ihre Stimmung wird wohlwollend geschildert und sogar der Eisbecher, den ein Passant vorbeibrachte, findet Erwähnung. Die Besucher der Veranstaltung hingegen erscheinen vor allem als feixende Menschen, die Suppe kleckern, Werbegeschenke einstecken und fragwürdige Inhalte auf ihren Handys betrachten. Eine ausgewogene Berichterstattung sieht nach meinem Verständnis anders aus.
Fast schon bezeichnend ist, dass selbst ein Versprecher der Moderatorin erwähnt wird, die Jan Nolte versehentlich als Bundestagsmitarbeiter statt als Bundestagsabgeordneten bezeichnete. Dass dieser Lapsus offenbar berichtenswerter war als viele Inhalte des Bürgerdialogs, spricht für sich.
Ich war den gesamten Abend selbst vor Ort. Gerade deshalb hat mich dieser Artikel fassungslos zurückgelassen. Mehrere Schilderungen decken sich nach meiner Wahrnehmung nicht mit dem tatsächlichen Ablauf der Veranstaltung oder lassen entscheidende Zusammenhänge weg. Wer ebenfalls anwesend war, dürfte sich an zahlreichen Stellen fragen, ob hier dieselbe Veranstaltung beschrieben wird.
Besonders irritiert mich, dass ausgerechnet die Atmosphäre eines offenen Bürgerdialogs kaum eine Rolle spielt. Die zahlreichen Fragen aus dem Publikum, der respektvolle Umgang im Saal und die Möglichkeit, direkt mit Bundestagsabgeordneten ins Gespräch zu kommen, geraten nahezu vollständig in den Hintergrund. Stattdessen wird der Leser mit Anekdoten über Suppenteller und Handydisplays versorgt.
Nach vielen Jahren, in denen ich politische Berichterstattung unterschiedlichster Medien gelesen habe, gehört dieser Artikel für mich zu den schwächsten Beispielen journalistischer Arbeit. Er wirkt auf mich stellenweise eher wie Boulevard- oder Klatschjournalismus als wie eine sachliche politische Reportage. Der Eindruck entsteht, dass hier nicht objektiv informiert, sondern gezielt ein bestimmtes Bild der Veranstaltung und ihrer Besucher erzeugt werden sollte.
Gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen vieler Menschen in die Medien schwindet, trägt eine solche Form der Berichterstattung aus meiner Sicht nicht zur Glaubwürdigkeit des Journalismus bei. Im Gegenteil: Wer Nebensächlichkeiten ausschlachtet, politische Wertungen mit einer vermeintlichen Nachricht vermischt und nach meiner Wahrnehmung einzelne Vorgänge unvollständig oder verzerrt darstellt, beschädigt am Ende vor allem das Vertrauen in den eigenen Berufsstand.
Herr Beuster muss sich deshalb aus meiner Sicht eine berechtigte Frage gefallen lassen: Ist das noch der Anspruch eines politischen Journalisten oder lediglich der Versuch, mit Spott, Zuspitzung und selektiver Darstellung eine gewünschte Wirkung beim Leser zu erzielen? Für mich ist dieser Artikel jedenfalls kein Beispiel für sorgfältigen Journalismus, sondern dafür, wie man dessen Glaubwürdigkeit leichtfertig aufs Spiel setzen kann.
Disclaimer: Dieser Beitrag gibt ausschließlich meine persönliche Meinung und Bewertung des veröffentlichten Artikels wieder. Die geäußerte Kritik bezieht sich auf dessen Inhalt, Darstellung und journalistische Arbeitsweise. Soweit Tatsachen angesprochen werden, beruhen sie auf meiner eigenen Wahrnehmung als Teilnehmer der Veranstaltung.
Die Illustration ist eine satirische Karikatur. Sie stellt keine Tatsachenbehauptung dar, sondern ist eine künstlerische und überspitzte Meinungsäußerung im Rahmen der Auseinandersetzung mit der im Artikel kritisierten Berichterstattung.
© 2026 Mirko Fuchs
Foto: KI – generiert
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